Tiefseetaucher

Tiefseetaucher

1. Wahrnehmung und formale Analyse

„Tiefseetaucher“ zeigt in einem weißen Schattenfugen-Rahmen ein großflächiges Aquarell-ähnliches Farbfeld: horizontale Streifen von zartem Hellblau bis zum dunklen Petroleum. Zentral vor diesem Hintergrund hängt auf einem hauchdünnen, transparenten Faden ein rechteckiges Plexiglas-Plättchen, auf das eine abstrahierte Wal-Silhouette appliziert ist. Das Gewicht dieses kleinen Paneels zieht es leicht nach unten, doch kann man es behutsam nach oben verschieben. Jeder Eingriff des Betrachters verleiht dem Wal Bewegung zwischen den Blautönen.

Die horizontale Gliederung betont Ruhe und Weite, während das Plexiglas mit seiner klaren Kante und der solitären Wal-Figur einen bewusst eingesetzten Kontrast bildet. Der Faden, nur punktuell sichtbar, erzeugt eine Spannung zwischen Statik (der abgebildeten Farben) und Dynamik (das schwebende, bewegliche Objekt).

2. Inhaltliche und symbolische Deutung

Der Wal, in den Weiten des Ozeans das wohl eindrucksvollste Wesen für Tiefe und Innigkeit, steht hier als Metapher für die individuellen Begabungen und das Potenzial des Menschen. Die schichtenartig abgestuften Blautöne lassen an die verschiedenen Meerestiefen denken: Das helle Cyan steht für die sichere Oberfläche des Alltagsbewusstseins, das dunkle Petrol für das unbekannte, womöglich bedrohliche Unbewusste.

Indem der Betrachter das Plexiglas empor- oder abwärts bewegt, übernimmt er aktiv die Rolle des Tauchers selbst: Er entscheidet, ob der Wal an der lichtdurchfluteten Oberfläche verbleibt oder in die Tiefe gleitet, wo neue Einsichten und Herausforderungen lauern. Die Arbeit wird so zu einem Sinnbild für Selbstwirksamkeit und die Notwendigkeit, eigene Fähigkeiten bewusst zu gebrauchen, um das intime Wissen des „inneren Meeres“ zu entdecken.

3. Philosophisch-psychologische Aspekte

Auf einer philosophischen Ebene lädt „Tiefseetaucher“ dazu ein, die Grenze zwischen Beobachter und Gestalter aufzuheben. Der Mensch ist nicht bloß ein passiver Rezipient, sondern ein aktiver Agent, der durch seine Handlungen sowohl den Rahmen als auch das „Innere“ verschieben kann. Psychologisch verweist das Bild auf das Spannungsfeld zwischen Ich-Bewusstsein und Unbewusstem: Um in die Tiefe zu steigen – sei es in der Selbsterkenntnis, der kreativen Arbeit oder im emotionalen Erleben – braucht es Mut, innere Voraussetzungen und Vertrauen in die eigene ‚Ausrüstung‘, symbolisiert durch das Plexiglas als schützende Hülle.

Zugleich erinnert die Arbeit daran, dass tiefes Eintauchen auch immer Balance bedeutet: Zu starkes Hinabziehen könnte den Wal am unteren Ende blockieren, zu zögerliches Heben hält ihn oberflächlich. So thematisiert das Werk das goldene Maß zwischen Neugier und Bedacht, zwischen Risiko und Schutz, zwischen Offenbarung und Rückzug.

Fazit: „Tiefseetaucher“ ist ein poetischer Appell, die zarten Fäden zu ergreifen, die unsere Begabungen tragen, um bewusst in die Tiefe zu tauchen und so unser inneres Meer zu erforschen.

 

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