Status Quo

Status Quo

Bildbetrachtung: „Status Quo“ aus der Serie Reframing

Auf den ersten Blick könnte man meinen, hier hat jemand schlichtweg eine kaputte Hühner-Postkarte mit braunem Klebeband in einen noch billigeren Rahmen gepresst und das Ganze an einem Faden aufgehängt – fertig. Doch gerade in dieser vermeintlichen Einfachheit offenbart sich eine komplexe Reflexion über die Zerbrechlichkeit unseres Daseins und die Selbsttäuschungen, die wir so gerne „Status Quo“ nennen.

Das Huhn selbst, in der Mitte platziert, wirkt fast wie ein verlorener Akteur auf einer sorgfältig konstruierten Bühne aus quadratisch angeordneten Jute-Fetzen. Jute, ein grobes, rustikales Material, ist hier in geordnete Stücke geschnitten, fast schon zwanghaft im Gittermuster aneinandergereiht. Dieses Nebeneinander von natürlich-rauem Stoff und strenger Geometrie kann man als Metapher für das Spannungsfeld zwischen unserer wilden, ungezähmten Natur und den strikten Normen der Gesellschaft deuten. Wir versuchen ständig, das „Chaotische“ in uns zu bändigen, es in vorgefertigte Raster zu pressen, damit wir in der Komfortzone des „Status Quo“ verharren können.

Das Huhn als Motiv mag zunächst harmlos wirken – niedlich oder gar banal. Aber in seiner Symbolkraft steht es zugleich für das Alltägliche, das Unterschätzte und manchmal auch das Ausgelieferte. Hühner sind domestizierte Wesen, deren Existenz oft nur im Kontext ihres Nutzwertes betrachtet wird. So spiegelt das Huhn hier unsere eigene menschliche Kondition wider: Wir glauben, wir seien frei, doch wir sind ebenso Gefangene unserer Systeme und Denkmuster. Ob wir nun in Käfigen sitzen oder an sozialen Normen hängen, macht auf den ersten Blick kaum einen Unterschied. Das Huhn ruft uns mit seinem stummen Blick gewissermaßen zu: „Wer hier ist wirklich frei?“

Der Rahmen, mit billigem Klebeband zugeklebt, wirkt wie eine notdürftige Reparatur. Er signalisiert eine flüchtige, fast schon peinliche Anstrengung, die Fassade zu wahren. Statt eines soliden, würdevollen Rahmens begegnet uns eine provisorische Lösung, die uns unsere eigene Halbherzigkeit vor Augen führt. Wir flicken, kleben und täuschen uns selbst, während wir so tun, als wäre alles in bester Ordnung. Dieses „Alles in bester Ordnung“ nennt sich dann gerne „Status Quo“ – Hauptsache, die Konstruktion bleibt an der Wand.

Das Ganze hängt an einem einfachen Garn, als wolle das Werk selbst sagen: „Seht her, wie dünn der Faden ist, an dem unser Dasein hängt.“ In einer Welt, in der wir uns so oft nach Stabilität sehnen, erinnert uns dieser dünne Faden daran, wie schnell unser vermeintlich festes Fundament ins Wanken geraten kann. Und vielleicht steckt darin auch eine kleine sarkastische Spitze: Ist es nicht ironisch, wie wir uns selbst in den aufwendigsten Lebensentwürfen verstricken und dann doch nur an einem simplen Faden hängen?

Psychologisch betrachtet drängt sich die Frage auf, warum wir uns überhaupt so sehr an diesem Status Quo klammern. Möglicherweise, weil Veränderung bedrohlich ist und wir uns lieber mit brüchigen Klebeband-Lösungen arrangieren, anstatt die kaputte Rahmenkonstruktion gänzlich zu erneuern. Die quadratischen Jute-Flicken stehen wie ein Raster aus Regeln, Gewohnheiten und Erwartungen, die uns Halt geben sollen, aber in Wahrheit nur unsere Ängste kaschieren. Das Huhn ist in diesem Bild – wie wir – eher Statist als Hauptdarsteller. Wir ordnen uns in ein System ein, ohne je wirklich zu hinterfragen, ob dieses System überhaupt Sinn ergibt.

Und dennoch hat dieses Bild eine seltsam versöhnliche Note. Gerade weil alles so fragil ist, gerade weil man sieht, wie mühsam hier etwas zusammengehalten wird, macht es uns bewusst: Perfektion ist eine Illusion. Vielleicht ist unser Status Quo gar nicht so statisch, wie wir glauben – sondern eine Übergangslösung, die wir jederzeit hinterfragen und neu gestalten können.

Mit einem leichten Schmunzeln könnte man also sagen: Dieses Werk ist ein ästhetisches „Da habt ihr’s!“ – eine ironische Verbeugung vor unserem Hang, das Bestehende schönzureden, während es bereits am Klebeband knarzt. Es ist ein Plädoyer dafür, unser Huhn (also uns selbst) nicht nur als dekoratives Element in einem engmaschigen Raster zu betrachten, sondern es vielleicht mal aus dem Rahmen zu befreien – Klebeband hin oder her. Denn so viel steht fest: An einem dünnen Faden hängt das Ganze ohnehin.

Read more