Selbstbestimmung
Der Bruch mit dem Gegebenen: Eine Analyse von „Selbstbestimmung“
In der therapeutischen Arbeit ist das Reframing weit mehr als ein bloßer Perspektivwechsel. Es ist ein aktiver, oft schmerzhafter Prozess, bei dem die bisherige Architektur unserer Weltsicht radikal infrage gestellt wird. Das Werk „Selbstbestimmung“ aus der Serie Reframing macht diesen Prozess physisch greifbar und führt uns an die Sollbruchstellen menschlicher Autonomie.
Die Symbolik der Leine: Vom Objekt zum Subjekt
Im Zentrum des Bildes steht ein Hund, der seine eigene Leine im Maul trägt. Dieses Motiv ist eine hochspannende philosophische Umkehrung des Machtverhältnisses. Normalerweise ist die Leine das Instrument der Fremdbestimmung, das Symbol für die Grenze zwischen Trieb und Zivilisation, zwischen Freiheit und Gehorsam.
Indem das Tier die Leine selbst hält, findet eine Transformation statt:
· Die Übernahme der Verantwortung: Das Werk suggeriert, dass Selbstbestimmung nicht bedeutet, „leinenlos“ zu sein. Wahre Freiheit im psychologischen Sinne bedeutet oft, die notwendigen Grenzen des Lebens selbst in die Hand zu nehmen, anstatt von ihnen gezerrt zu werden.
· Das Paradoxon der Autonomie: Der Hund ist gleichzeitig Führender und Geführter. Dies spiegelt die stoische Idee wider, dass wir zwar den äußeren Umständen unterworfen sein mögen, aber die Hoheit darüber behalten, wie wir uns zu diesen Umständen verhalten.
Der gebrochene Rahmen: Die Dekonstruktion des Narrativs
Der Rahmen des Bildes ist nicht bloß eine Begrenzung, er ist in diesem Kontext das „Psychologische Skript“. Es ist das Gehäuse aus Erwartungen, Erziehung und gesellschaftlichen Normen, in dem wir uns bewegen.
Dass dieser Rahmen im Werk gewaltsam gebrochen ist, symbolisiert den Moment der Krisis. In der Psychotherapie ist der Zusammenbruch des alten Rahmens oft die Voraussetzung für Heilung. Die grelle, fast fleischige Farbe des Rahmens kontrastiert dabei hart mit der Zerbrechlichkeit des Inhalts. Es zeigt: Veränderung ist kein sanfter Übergang, sondern ein Akt der Zerstörung des Alten. Der Rahmen hält nicht mehr stand, weil das Individuum im Inneren, symbolisiert durch die Entscheidung, die Leine selbst zu halten, über die alten Grenzen hinausgewachsen ist.
Die Klebestreifen: Die Ästhetik des Provisoriums
Besonders tiefgründig ist die Rückseite bzw. die sichtbare Montage durch Klebestreifen. Sie verweisen auf die Vulnerabilität der Psyche. Selbstbestimmung ist kein makelloser Endzustand, sondern ein fortwährender Prozess des „Zusammenhaltens“. Die Klebestreifen sind die Narben der Resilienz. Sie zeigen, dass wir uns nach einem psychischen Umbruch oft mühsam neu zusammensetzen müssen. Es ist eine bewusste Entscheidung, das Konstrukt des Selbst aufrechtzuerhalten, auch wenn die ursprüngliche Stabilität des Rahmens verloren gegangen ist.
Analytisch betrachtet stellt dies die „Ambiguitätstoleranz“ dar: Die Fähigkeit, mit den Brüchen im eigenen Leben zu existieren, ohne an der Unvollkommenheit zu verzweifeln.
Fazit für die therapeutische Praxis
Für den Betrachter, insbesondere im klinischen Kontext, fungiert „Selbstbestimmung“ als Spiegel. Es stellt die Frage: Wer hält deine Leine? Und: Bist du bereit, den Rahmen zu sprengen, auch wenn das bedeutet, dass die Sicherheit der alten Form verloren geht?
Das Bild erinnert uns daran, dass Reframing nicht bedeutet, die Welt schönzufärben. Es bedeutet, den Mut aufzubringen, den Rahmen zu zerbrechen, die Fragmente neu zu ordnen und die Führung über das eigene Leben zu übernehmen, mit allen Rissen, Klebestreifen und harten Kanten, die dazugehören.