Rivalen

Rivalen

Bildbetrachtung zu „Rivalen“

In der Arbeit „Rivalen“ aus der Serie „Reframing“ begegnen wir einem kräftegeladenen Dialog auf mehreren Ebenen: Einerseits der klar gezeichneten Giraffe in ihrer natürlichen Präsenz, andererseits ihrem stummen Ebenbild, das lediglich durch ein fragmentiertes, organisch anmutendes Muster am linken Bildrand angedeutet wird. Diese Komposition lotet das Spannungsfeld zwischen Sichtbarkeit und Suggestion, zwischen dem Sichtbaren und dem im Inneren Verborgenen aus.

1. Formale Analyse

Der schlichte Holzbalkenrahmen umschließt das Bild ohne jeglichen Zierrat: Ein Verweis auf die Notwendigkeit, die Frage „Warum überhaupt ringen wir?“ nicht durch äußere Opulenz zu beschönigen. Die linken Bilddrittel füllen unregelmäßig geformte, ockerfarbene Flächen, die an Giraffenflecken erinnern, jedoch – im Gegensatz zur realistischen Darstellung der rechten Giraffe – nie zum vollständigen Tier zusammenwachsen. Diese aufgebrochene Struktur steht sinnbildlich für innere Anteile, die in uns existieren, jedoch selten in kohärenter Einheit.

In der mittigen Leere, in der sich nur winzige, braune Punkte verteilen, steht die einzelne, naturgetreu gerenderte Giraffe fast verloren. Ihr ruhiger Blick richtet sich nicht auf die Musterform links, sondern scheint nach innen zu horchen. Der Kontrast zwischen der Ruhe dieser einzelnen Figur und der Fragmentierung des Musters evoziert eine subtile Spannung: Die äußere Projektion der Rivalität – hier visualisiert als brüchiges Giraffenmuster – trifft auf die stille Selbsterkenntnis eines bewussten Wesens.

2. Inhaltliche und philosophische Reflexion

Die Arbeit thematisiert die Rivalität, die in uns allen tobt: zwischen Ambitionen und Selbstzweifeln, zwischen dem Bedürfnis nach Anerkennung und dem Streben nach innerer Ausgeglichenheit. Die linke Fläche, fragmentiert und doch vertraut, ist gleichsam unsere inneren Anteile – die wir in unbewussten Mustern leben, oft ohne sie als Ganzes wahrzunehmen. Die physisch präsente Giraffe hingegen symbolisiert das bewusste Ich, das sich seiner selbst bewusst wird und sich von den bruchstückhaften Rivalenanteilen nicht länger beherrschen lassen will.

Der schlichte Rahmen tritt dabei zum Sinnbild für Bescheidenheit und Demut: Er zeigt auf, dass Konflikte und Rivalitäten erst dann ihre zerstörerische Kraft entfalten, wenn wir ihnen durch prunkvolle Inszenierung Bedeutung zuweisen. Je weniger Glanz wir dem Wettstreit beimessen, desto geringer die Bereitschaft, uns und andere zu verletzen. Die Wahl eines einfachen Materials verweist auch auf die paradoxe Beobachtung, dass wahre Größe oft aus der Zurückgenommenheit entsteht: Wer sich auf das Wesentliche besinnt, wächst innerlich und äußerlich über sich hinaus – frei von geäußertem Glanz, aber reich an authentischer Präsenz.

3. Schlussbetrachtung

„Rivalen“ führt uns exemplarisch vor Augen, wie wir durch Projektion winziger Fragen – Erfolg, Aufmerksamkeit, Status – große innere Spannungsfelder schaffen. Die Fragmentstücke im linken Bildfeld sind unser unbewusstes Echo: sie fordern uns heraus, sie in uns zu erkennen, zu integrieren und nicht länger gegen sie anzukämpfen. Die Giraffe in der Bildmitte ist dabei nicht nur Beobachterin, sondern auch Wegweisende: Mit ihrer ruhigen Haltung appelliert sie an die Kraft der Achtsamkeit, an die Demut vor dem eigenen Wachsen und Werden. So wird der schlichte Rahmen zum Portal: Wir entscheiden selbst, wie weit wir gehen – und ob wir uns in diesem Ringen nicht vielleicht schon längst selbst verloren haben.

 

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