Focusing
Bildbetrachtung „Focusing“ aus der Serie Reframing
Das Bild „Focusing“ aus der Serie Reframing lässt sich als tiefgreifendes Zusammenspiel von psychologischen, philosophischen und ästhetischen Ebenen betrachten. Es erweckt ein bewusstes Innehalten, um die komplexen Zusammenhänge von innerer und äußerer Realität zu erforschen.
Visuelle Analyse: Räumlichkeit und Kontrast
Das Bild zeigt eine dschungelartige Umgebung, die durch eine zweidimensionale Darstellungsweise charakterisiert ist. Durch die Technik des Hell-Dunkel-Kontrasts – der von einem helleren Hintergrund zu den dunkleren Pflanzen und Silhouetten im Vordergrund verläuft – entsteht eine beeindruckende räumliche Tiefe. Diese Tiefe verleiht der sonst flächigen Darstellung eine subtile Dynamik, was die Betrachtenden in das Bild „hineinzieht“.
Gleichzeitig steht der dreidimensionale Gorilla als Fremdkörper im Vordergrund. Durch seine plastische Darstellung bricht er mit der flachen, illustrativen Umgebung und wird zu einem Fokuspunkt. Seine Position wirkt zugleich präsent und entrückt, was das Auge des Betrachtenden unweigerlich zu ihm lenkt und Fragen über seine Bedeutung aufwirft.
Psychologische Betrachtung: Fokus und Wahrnehmung
Der Titel „Focusing“ verweist auf ein zentrales Konzept der psychologischen Therapie – die bewusste Hinwendung zu inneren Prozessen. Der Gorilla könnte hier als Metapher für das „Selbst“ oder innere Anteile verstanden werden, die oft unbemerkt im „Urwald“ des eigenen Geistes verborgen bleiben. Wie in der Focusing-Therapie nach Eugene Gendlin könnte der Gorilla symbolisieren, dass der Fokus bewusst auf das „innere Erleben“ gerichtet werden muss. Hierbei geht es um die Frage: Was taucht auf, wenn ich still werde und meinem Inneren zuhöre?
Der Urwald selbst, wild und unübersichtlich, symbolisiert die menschliche Psyche – ein Dickicht aus Gedanken, Gefühlen und Erinnerungen, die schwer zu durchdringen scheinen. Der dreidimensionale Gorilla tritt aus diesem Hintergrund hervor und wird zum bewussten Fokus, eine Einladung zur inneren Reflexion.
Der Rahmen: Struktur und Bruch
Ein zentrales Element des Bildes ist der gebrochene Rahmen, dessen Holzstruktur nun offenliegt. Diese Halbierung des Rahmens hat mehrere symbolische Dimensionen:
· Brechen von gewohnten Mustern: Ein Rahmen begrenzt und definiert das Bild – und im übertragenen Sinne auch unsere Wahrnehmung von Realität. Durch den Bruch wird der Blick auf das „Innere“ des Rahmens gelenkt. Es ist eine Aufforderung, eingefahrene Sichtweisen zu hinterfragen und neue Perspektiven zuzulassen.
· Anspielung auf die Natur: Die Blattstruktur des gebrochenen Rahmens stellt eine Verbindung zur Dschungelumgebung her. Es erinnert uns daran, dass das Künstliche (Rahmen) und das Natürliche (Dschungel) untrennbar miteinander verwoben sind. Auch der Mensch ist Teil der Natur, und sein inneres Erleben lässt sich nicht isoliert betrachten.
· Offenlegung der Tiefe: Der Bruch symbolisiert das Aufdecken von verborgenen Schichten – sowohl materiell (das Innere des Rahmens) als auch psychologisch. Es ist ein Prozess der Transformation und der Selbsterkenntnis, bei dem bisher Verborgenes ins Bewusstsein tritt.
Philosophische Dimension: Die Suche nach dem Selbst
Philosophisch betrachtet stellt das Bild eine Frage nach dem Wesenskern des Menschen: Wer oder was ist der Gorilla? Warum wird er sichtbar, während der Rest verborgen bleibt? Der Dschungel erinnert an die chaotische, undurchdringliche Natur des Lebens. In dieser Komplexität ist es oft schwer, den „eigenen Weg“ zu finden oder sich auf das Wesentliche zu konzentrieren.
Der dreidimensionale Gorilla kann hier als Erinnerung an das Ursprüngliche, das Natürliche und das Authentische im Menschen gesehen werden. Er lädt uns ein, den Blick zu fokussieren, nach innen zu gehen und uns der Frage zu stellen: Was zeigt sich, wenn alles Äußere zur Ruhe kommt?
Das Zusammenspiel von Innen und Außen
Ein weiterer bedeutender Aspekt des Bildes ist das Wechselspiel zwischen Innen und Außen, Form und Inhalt. Der Rahmen – der sonst den „äußeren Blick“ leitet – öffnet sich und verweist nach innen. Das Innere des Rahmens trägt die Struktur der Natur, was verdeutlicht, dass der Rahmen nicht nur eine Begrenzung, sondern auch Teil des Ganzen ist. Dies entspricht der Einheit von Körper und Geist, Individuum und Umgebung.
Wichtige Aspekte: Einladung zur Reflexion
· Fokus auf das Wesentliche: Was in unserem Leben ist der „Gorilla“? Was fordert unsere Aufmerksamkeit, während wir im Chaos des Alltags gefangen sind?
· Verborgene Schichten: Wie oft bleiben unsere inneren Anteile unentdeckt, weil der Fokus nach außen gerichtet ist?
· Transformation durch Bruch: Welche Rahmen – im metaphorischen Sinne – müssen wir durchbrechen, um unsere tieferen Schichten zu erkennen?
Fazit: Das Bild als Spiegel der Selbsterkenntnis
„Focusing“ schafft es auf subtile Weise, die Betrachter:innen in einen Dialog mit sich selbst zu ziehen. Es zeigt, dass wahre Klarheit entsteht, wenn wir den Fokus bewusst lenken, innere Schichten freilegen und den Mut haben, gewohnte Strukturen zu durchbrechen. Der Gorilla, aus dem Dickicht hervortretend, erinnert uns daran, dass das Wesentliche oft im Stillen liegt – und dass es nur durch ein bewusstes Hinsehen sichtbar wird.