Existenzialismus

Existenzialismus

Das Bild aus der Serie Reframing mit dem Titel Existenzialismus lädt zu einer tiefgründigen Auseinandersetzung ein – sowohl mit seinem visuellen Aufbau als auch mit seiner konzeptuellen Verknüpfung zu den existenzialistischen Ideen von Jean-Paul Sartre und Albert Camus.

Analyse der Bildkomposition
Im Zentrum der Darstellung steht ein Gorilla, der auf einer horizontalen Linie zu balancieren scheint. Der Gorilla wirkt isoliert, verloren in der monochromen Weite des blauen Hintergrunds. Die Farbe Blau, oft mit Kühle und Unendlichkeit assoziiert, verstärkt das Gefühl von Leere und existenzieller Einsamkeit. Die Horizontlinie trennt den Raum in eine obere, scheinbar unendliche Fläche und eine untere Ebene, die ebenfalls undefiniert bleibt. Der Rahmen selbst, mit seinen Gebrauchsspuren, verstärkt den Eindruck von Vergänglichkeit und Realismus, als ob das Bild eine greifbare Spur von Zeit und Leben enthält.

Existenzialistische Perspektiven
In der Tradition Sartres und Camus' verweist das Bild auf die zentrale Frage nach der menschlichen Existenz und Freiheit in einer scheinbar gleichgültigen Welt. Der Gorilla – eine symbolisch aufgeladene Figur – steht für die rohe, ungeschönte Existenz, die auf sich selbst zurückgeworfen wird.

Sartre: Sartres Konzept der condamnation à être libre (Verdammung zur Freiheit) wird hier angedeutet. Der Gorilla balanciert, ohne Sicherheiten, ohne vorgegebene Richtung. Er steht auf einer Linie, die metaphorisch für die Notwendigkeit stehen könnte, die eigene Existenz ständig zu definieren, ohne Halt in einer höheren Macht oder objektiven Wahrheit. Das Wesen ist frei, aber diese Freiheit ist eine Last, die es alleine tragen muss.

Camus: In der Philosophie Camus' ist der Gorilla ein moderner Sisyphos. Die Weite und Leere des Bildes reflektieren die Absurdität des Lebens – das Fehlen von inhärentem Sinn. Doch Camus fordert den Menschen auf, diese Absurdität anzunehmen und darin eine rebellische Freude zu finden. Der Gorilla schaut in Richtung der Betrachter:innen – möglicherweise ein stiller Aufruf, die Absurdität mit derselben stillen Würde zu akzeptieren.

Psychologische Implikationen
Das Bild lässt sich psychologisch als eine Einladung zur Selbstreflexion betrachten:

Isolation und Selbstbetrachtung: Der Gorilla steht allein. Dies könnte auf die existenzielle Isolation hindeuten, die jeder Mensch erlebt, wenn er sich seiner eigenen Subjektivität bewusst wird.

Die Linie als Grenze: Psychologisch gesehen symbolisiert die Linie möglicherweise eine Schwelle oder einen schmalen Grat, auf dem sich Menschen oft bewegen – zwischen Sinnsuche und Nihilismus, zwischen Sicherheit und Angst. Der Blick des Gorillas fordert uns auf, über die Grenzen, die wir uns selbst setzen, nachzudenken.

Der Gorilla als Archetyp: Als animalisches Symbol repräsentiert der Gorilla sowohl unsere Ursprünglichkeit als auch die Last unseres Bewusstseins. In ihm treffen Triebhaftigkeit und Reflexion aufeinander – ein Spannungsfeld, das die menschliche Psyche prägt.

Der Rahmen als Reframing
Der leicht beschädigte, klassische Rahmen wirkt wie eine bewusste Intervention, die uns auf die Künstlichkeit der Perspektive hinweist. Das Reframing in diesem Werk erfolgt auf mehreren Ebenen:

Der Gorilla wird neu gerahmt, nicht als bloßes Tier, sondern als existenzieller Stellvertreter für den Menschen.

Die Horizontlinie zwingt uns, unsere Sichtweise zu hinterfragen: Ist sie eine Grenze, ein Halt, ein Horizont? Oder ist sie schlicht bedeutungslos, bis wir ihr eine Bedeutung geben?

Der Rahmen selbst lenkt den Blick darauf, wie Perspektiven und Kontext die Interpretation eines „neutralen“ Bildes verändern.

Erweiterung der Bedeutung
Das Werk könnte auch als Spiegel für die Gesellschaft gelesen werden. Der Gorilla ist ein Symbol für das „Andere“, das Tierische, das Ausgegrenzte – er steht dabei auch für die Projektionen, die wir auf das vermeintlich Fremde legen. In einer Welt, die zunehmend von Dualitäten geprägt ist (Natur/Kultur, Freiheit/Kontrolle, Subjekt/Objekt), fordert das Bild dazu auf, die Widersprüche auszuhalten.

Zusammengefasst ist Existenzialismus ein Werk, das die Betrachter:innen auffordert, ihren eigenen Blick zu hinterfragen und die existenzielle Leere, die es darstellt, nicht als Bedrohung, sondern als Möglichkeit zur Freiheit zu begreifen. Die kunstvolle Verbindung von Ästhetik, Philosophie und Psychologie macht es zu einem vielschichtigen Beitrag innerhalb der Serie Reframing. Es erinnert daran, dass wir – wie der Gorilla – trotz der Absurdität unseres Daseins die Wahl haben, unsere eigene Haltung zu bestimmen.

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