ein weiterer Blick auf das Meer

ein weiterer Blick auf das Meer

Beschreibung und Beobachtungen
Auf den ersten Blick erkennt man eine Jalousie in intensivem Blau. Die Lamellen spiegeln das Wasser im Bild. Dadurch entsteht der Eindruck von fließenden, sich ständig verändernden Wellen. Oben befindet sich ein schlichtes Abschlussprofil, an dem transparente Zug- und Wendestäbe hängen. Die weißen Halterungen treten dezent in den Hintergrund, sodass das zentrale Element – das Wasser- bzw. Meermotiv – in den Vordergrund rückt.

Strukturelle und inhaltliche Aspekte
Der Titel „Ein weiterer Blick auf das Meer“ deutet eine Grenze zwischen Innen und Außen an. Die horizontal angeordneten Lamellen schaffen einen Rhythmus aus Licht und Schatten, der an die Weite des Ozeans denken lässt. Doch der „Blick“ bleibt ein Ausschnitt, gefiltert durch eine Art Gitter, was die Frage aufwirft, ob wir uns in sicherer Distanz befinden oder ob wir bereit sind, tiefer einzutauchen.

Überlegungen zur Wirkung und Wahrnehmung

  • Ängste und Sorgen
    In einem anderen Werk wurde eine Haifischflosse aus der Ferne gezeigt. Hier erscheint sie näher und zugleich kleiner, sodass sie weniger bedrohlich wirkt. Diese Verschiebung verdeutlicht, wie unsere Ängste und Sorgen oft übergroß in unserem Kopf existieren, während sie in der Realität meist kleiner und weniger furchteinflößend sind.
  • Das Unbewusste und das Eintauchen
    Ein weiterer Aspekt ist das Unbewusste: Man kann nicht in die tieferen Schichten einer Erfahrung oder eines Themas vordringen, solange man nur von außen zuschaut. Das „Eintauchen“ ist ein Prozess, vor dem sich manche Menschen scheuen. Er birgt das Risiko, sich mit längst verborgenen Empfindungen auseinanderzusetzen, die tief im Inneren verankert sind.

Philosophische und psychologische Dimension

  • Schein und Wirklichkeit
    Der „Blick auf das Meer“ symbolisiert Sehnsucht nach Weite oder Freiheit, bleibt jedoch ein begrenzter Ausschnitt. Dies wirft die Frage auf, inwieweit wir uns wirklich auf das Leben einlassen, wenn wir stets eine gewisse Distanz wahren.
  • Projektionen und Wunschbilder
    Das Meer gilt als Projektionsfläche für Fernweh und Abenteuer. Hier erscheint es domestiziert, in den Alltag geholt. Wir erschaffen uns eine Illusion von Unendlichkeit, ohne die unberechenbare Seite des Meeres wirklich zu erfahren.
  • Kontrolle und Loslassen
    Jalousien dienen normalerweise dazu, den Blick zu lenken oder zu versperren. Nun werden sie selbst zum Träger eines Ausblicks, der Weite suggeriert. Diese Ambivalenz kann sinnbildlich für den Wunsch nach Sicherheit und gleichzeitigem Verlangen nach Ungebundenheit stehen.

Sehnsucht und Zurückhaltung
Ein zusätzlicher Gedanke ist die tiefe Sehnsucht, wirklich am Leben teilzunehmen, sich ganz auf das Hier und Jetzt einzulassen und das eigene Potenzial zu entfalten. Dennoch kann ein innerer Widerstand entstehen, genährt von prägenden Erfahrungen, die sich wie ein unsichtbares Hindernis anfühlen. Diese Erfahrungen können Ängste nähren, die oft stärker sind als die tatsächliche Gefahr, sodass man lieber auf Distanz bleibt, statt ins Unbekannte einzutauchen. Die Erinnerung an Ohnmacht oder Verletzlichkeit kann unbewusst dazu führen, dass man zwar die Schönheit und Weite spürt, aber zögert, sie tatsächlich zu erleben.

Zentrale Gedanken

  1. Verwandlung des Alltäglichen
    Ein funktionaler Gegenstand wird zum Träger von Ideen über Weite, Tiefen und Ängste. So entsteht ein Spannungsfeld zwischen dem Vertrauten und dem Fernen.
  2. Dialektik von Nähe und Ferne
    Obwohl das Motiv näher herangeholt wird, bleibt das tiefe Erleben – das Eintauchen in das Unbekannte – zunächst verwehrt. Die Vorstellung einer Haifischflosse, die nun weniger bedrohlich wirkt, spiegelt unsere verzerrte Wahrnehmung von Befürchtungen wider.
  3. Einladung zum Prozess
    Die Arbeit lädt dazu ein, sich mit dem eigenen Widerstand gegenüber dem Unbekannten auseinanderzusetzen. Sie macht bewusst, dass reine Betrachtung nie die volle Erfahrung ersetzt. Um Tiefe und Weite wirklich zu begreifen, braucht es den Schritt ins Wasser – eine Metapher für das Eintauchen in verborgene Bereiche unserer selbst.

Auf diese Weise bringt „Ein weiterer Blick auf das Meer“ sowohl unsere Sehnsucht nach dem, was jenseits des Vertrauten liegt, als auch die Zurückhaltung angesichts alter Ängste ins Spiel. Das Spannungsverhältnis von Beobachten und Teilnehmen, von Kontrolle und Loslassen wird zu einem Spiegel innerer Prozesse, die von Erinnerungen und unbewussten Emotionen geprägt sind.

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