Dissoziation
Bildanalyse – Dissoziation
Ein kleines Pferd steht auf einem schmalen Streifen Sandstrand. Zwei seiner Beine sind fest am Boden verankert – die beiden vorderen. Die hinteren jedoch scheinen den Halt verloren zu haben und versinken – nein: lösen sich auf – in einer flauschigen rosa Wolkenlandschaft. Diese Szene, festgehalten hinter einer durchsichtigen Plexiglasschicht, umrahmt von roten Spuren und Resten einer einst süßen Versuchung, wird zum Ausgangspunkt einer tiefgründigen Betrachtung über Gegenwart, Erinnerung und die Fragilität unseres inneren Erlebens.
Eine seltsame Perspektive
Die Perspektive auf das Pferd ist ungewöhnlich. Es wirkt, als würde es zwischen zwei Ebenen stehen – zwischen Hier und Dort, zwischen Greifbarem und Entrücktem. Es erinnert an einen Traum, in dem Dinge möglich sind, die im Wachen keinen Sinn ergeben – und genau darin liegt seine Kraft. Denn das Pferd symbolisiert in vielen Kulturen das Lebendige, das Instinktive, manchmal auch das Wilde oder Getriebene. Hier jedoch wirkt es stillgestellt, beinahe starr, als ob es selbst nicht ganz weiß, wohin es gehört. Die Dissoziation beginnt bereits in der Bildlogik – und sie setzt sich fort in der Wahrnehmung der Betrachter:innen.
Ein Rahmen, der mehr ist als Dekoration
Der Rahmen des Bildes ist aus Plexiglas gefertigt – ein modernes, kaltes Material, das durchsichtig ist und dennoch Distanz schafft. Doch hier wurde dieser Rahmen befüllt: mit Zuckerwatte. Ein spielerischer, fast alberner Eingriff – und zugleich ein hoch symbolischer. Zuckerwatte steht für Kindheit, für Leichtigkeit, für Unschuld. Ihr Duft kann Erinnerungen wachrufen, bevor das Bewusstsein überhaupt weiß, woran es gerade denkt. Doch was von ihr geblieben ist, lässt sich sehen: fast nichts. Sie hat sich aufgelöst, verkrümelt, verfärbt. Eine poetische Metapher für Erinnerungen, die sich nicht konservieren lassen, so sehr man es auch versucht.
Das Prinzip der Dissoziation
Der Titel „Dissoziation“ bringt eine zentrale psychologische Dimension ins Spiel. In der Psychologie beschreibt Dissoziation den Zustand des Abgespalten-Seins – von Emotionen, Körperempfindungen oder bestimmten Erfahrungen. Sie tritt häufig in belastenden Situationen auf, als Schutzmechanismus des Geistes. Das Pferd in diesem Bild scheint genau das zu erleben: Ein Teil steht noch im Hier und Jetzt, der andere verschwindet bereits in eine rosafarbene, dunstige Zwischenwelt.
Dabei ist es nicht einfach „weg“, sondern entrückt – aufgelöst in etwas, das schöner scheint, aber ungreifbar bleibt. Die Wolken wirken wie eine sanfte Alternative zur rauen Realität, doch sie bieten keinen Halt. Der Zustand des Pferdes bleibt prekär, wie eingefroren zwischen zwei Welten. Und das macht das Werk so ehrlich: Es beschönigt nichts. Es benennt das Verstummen, das Nicht-Fühlen-Können, das Unscharfwerden der eigenen Existenz.
Kindheit, Kirmes und Kontrollverlust
Auf humorvolle Weise erinnert der Zuckerwatte-Rahmen auch an Kirmesstände: grell, klebrig, temporär. Alles, was daran schön war, hat keinen Bestand. Und doch: Wir kehren gedanklich oft dorthin zurück. Gerade bei psychischen Schutzmechanismen wie der Dissoziation spielt die Kindheit eine zentrale Rolle. Vielleicht ist auch das Pferd ein inneres Kind, das still dasteht, während um es herum alles weich und unklar wird.
Die Zerfallsästhetik des Rahmens steht in spannendem Kontrast zur Sanftheit der Wolken. Sie erzählt davon, dass selbst süße Erinnerungen zerfallen – und dass es Mut braucht, sie nicht festhalten zu wollen. Oder wie es im Reframing-Gedanken steckt: Die Art, wie wir eine Situation einrahmen, beeinflusst unsere Wahrnehmung – und manchmal beginnt Heilung dort, wo wir uns erlauben, sie anders zu betrachten.
Fazit: Ein Werk über das Unsichtbare
„Dissoziation“ macht einen inneren Zustand sichtbar, der sich schwer in Worte fassen lässt. Es ist ein stilles Werk, das aufwühlt. Ein zartes Bild mit scharfem Kern. Und bei aller Tiefe enthält es auch feinen Humor: ein Pferd in Wolken, Zuckerwatte im Rahmen, ein Hauch Kirmes in der Psychologie. Es nimmt sich selbst nicht zu ernst – und ist gerade deshalb so ernst zu nehmen. Ein echtes Stück Reframing.